freier Download unter: https://www.neutralitaet.info/ 

Die Herausgeber dieses Buches betonen, mit diesem Buch einen Beitrag zu einer ergebnisoffenen Diskussion über unsere Neutralität leisten zu wollen. Das Buch macht aber eher den Eindruck einer "Hinrichtung" unserer Neutralität. Fast alle  Autoren sehen Österreichs Neutralität als nicht mehr zeitgemäß und sind auch der Meinung, dass trotz der Historie der Österreichischen Neutralität sich zu Russland kein Spannungsfeld ergibt, wenn Österreich seine Neutralität Widerruft.

Dem dürfte offenbar nicht ganz so sein: https://www.sn.at/politik/weltpolitik/russischer-ex-praesident-droht-oesterreich-mit-militaergewalt-art-608621 (siehe dazu auch Die "Freiwilligkeit" unserer Neutralität).

Eine ergebnisoffene Diskussion sollte auch Kontrapositionen beleuchten, wie z.B. vom ebenfalls anerkannten Völkerrechtler Prof. Dr. Alfred Verdross, der zum Schluss kommt, dass Österreich seine 1955 eingegangene Neutralität nicht freiwillig wieder aufgeben kann. 

Eine ergebnisoffene Diskussion sollte auch in Alternativen geführt werden. Die einzige Sicherheits-alternative zur Neutralität, die empfohlen wird, ist eine europäische Verteidigungspolitik, ohne damit verbundene Probleme auch nur ansatzweise zur Diskussion zu stellen. 

Die Autoren vertreten überwiegend die Meinung, dass Österreich durch die im Artikel 42 des EU-Vertrages festgeschriebene Beistandspflicht geschützt ist. Dass die Beistandspflicht nicht zwingend eine militärische sein muss, und daher keine verlässliche Sicherheitsalternative zur Neutralität ist, findet sich wenn, dann in Randbemerkungen . Dass zur Realisierung von verteidigungspolitischen Maßnahmen jeder Art EINSTIMMIGKEIT im ohnedies inhomogenen EU-Rat gegeben sein muss und auch ein entsprechender UN-Beschluss vorliegen muss, wird nicht erwähnt. Dass daher Österreich in keinster Weise mit der Solidarität seiner EU-Partner rechnen kann, da diese im Ernstfall innenpolitische Zwänge haben können und ihre Staatsbürger nicht für Österreich in den Tod schicken, bleibt unerwähnt.

Auch die Frage, ob umgekehrt die Österreichische Bevölkerung bereit wäre, ihre Söhne z.B. nach Estland in den Krieg zu schicken, erscheint ein nicht unwesentliches Thema in einer ergebnisoffenen Diskussion und wird darauf in diesem Buch nicht eingegangen. Somit stellt sich auch die Frage der allgemeinen Wehrpflicht. Behält Österreich sein Milizsystem bei und sendet auch Rekruten und Milizsoldaten auf ausländische Schlachtfelder? Kämpfen Österreichische Rekruten und Milizsoldaten auf Österreichischem Boden mit Berufssoldaten aus anderen EU-Ländern? Wie funktioniert die sprachliche Verständigung in der Stresssituation eines Krieges?

Völlig offen ist auch die Frage der Finanzierung eines Beistandsfalles. Wer zahlt wem die verschossene Munition, das verlorene Gerät und leistet den Familien der getöteten Soldaten Schadenersatz? Bekommt Österreich im Ernstfall auch so viele Kredite wie z.B. die Ukraine und mit welchen Bodenschätzen wird Österreich diese besichern und jemals zurückzahlen?

Ebenfalls nicht behandelt wird in diesem Buch das Problem der meisten EU-Länder, das sich aus ihrer verteidigungspolitischen Zwitterstellung EU-GSVP versus NATO-Mitgliedschaft ergibt.

Ist ein französischer Flugzeugträger am Weg in die Straße von Hormus ein NATO-Schiff oder ein EU-Schiff im Rahmen der GSVP? Welche Flagge trägt das Schiff? Kann Teheran dann ruhig eine Rakete nach Wien schicken, da es für den Iran eine EU-Mission ist?  Worin besteht der Unterschied zwischen NATO und GSVP und welche sicherheitspolitischen Konsequenzen können sich daraus für Österreich ergeben?

Europa kann von außen auf doppelte Weise wahrgenommen werden was letztlich die Frage aufwirft: repräsentiert Europa tatsächlich ein föderales Friedensprojekt, oder steht es für ein Militärbündnis unter der Führung einer imperialen Macht, den USA?

Gilt die "Irische Klausel" tatsächlich nur als Schlupfloch für die NEUTRALEN um sich der Beistandspflicht zu entledigen, obwohl im 2. Satz des 42/7 das Wort "neutral" nicht vorkommt, oder kann man unter dem "besonderen Charakter der Verteidigungspolitik bestimmter Länder" auch eine NATO-Mitgliedschaft verstehen? Dies um so mehr, da der 3. Satz im 42/7 extra betont, dass für die EU-NATO-Mitglieder deren NATO-Mitgliedschaft weiterhin das Fundament ihrer Verteidigungspolitik darstellt - also NATO vor EU! 
Auch über diese Problematik wird kein Wort verloren, scheint aber wesentlich genug, um auch Inhalt einer ergebnisoffenen Diskussion zu sein.

Artikel 42 zum Nachlesen unter: https://dejure.org/gesetze/EUV/42.html